Wissensmanagement 2.0 oder 0.0?

web2_0Ein neuer Sachverhalt wird mit einem neuen Begriff belegt. Marketingabteilungen denken sich gern neue Begriffe aus, damit Produkte oder Dienstleistungen auch deutlich von den Angeboten anderer abgesetzt werden. Der Begriff „Web 2.0 “ hebt auf den Unterschied ab, wer die Inhalte im Internet auf welche Weise und aus welchen Gründen zur Verfügung stellt.

Waren es in Version 1.0 des Netzes noch mehrheitlich die klassischen kommerziellen Anbieter, die ihre Informationen über einen neuen Verteilungskanal an die Kunden bringen wollten, so stehen jetzt stärker die „Kunden“ im Fokus, für deren Bedürfnisse etwas zur Verfügung gestellt wird und die selbst auf immer mehr Gebieten Inhalte generieren. Stichworte hierfür sind (We)Blogs, Vernetzung auf der Basis sozialer Software und bequemes Einkaufen vom Bildschirm aus, wobei auch Beurteilungen der Produkte gesammelt werden.

Im Verständnis des Wissensmanagements hat es eine parallele Entwicklung gegeben, die erfolgversprechender ist als die früheren Vorstellungen davon, wie das Wissen von Mitarbeitern für die Kollegen fruchtbar gemacht werden kann. Der Kanadier Dave Pollard hat eine Tabelle aufgestellt, in der gut formuliert die alte Geisteshaltung von „Inhalt und Sammlung“ der neuen gegenübergestellt wird, die sich um „Zusammenhang und Beziehung“ dreht.

Seine an der selben Stelle formulierte Definition von Knowledge Management (KM) hat bei vielen professionellen Wissensarbeitern bereits ein positives Echo hervorgerufen:

Wissensmanagement ist einfach die Kunst, vertraute, zusammenhangsreiche Gespräche zwischen geeigneten Mitgliedern von Gemeinschaften über Gegenstände zu ermöglichen, für die diese Gemeinschaften Leidenschaft entwickelt haben.

Interessanterweise überschreibt Pollard die Spalte der neuen Haltung nicht mit KM 2.0, wie in Parallele zu Web 2.0 zu erwarten wäre, sondern mit KM 0.0. Die der Versionierung von Software entlehnte Schreibweise steter  Steigerung als Ausdruck von Verbesserung erfährt hier ihre Umkehrung. Denn die neu gebildete Einstellung geht nach seinen Worten „zurück zu den Wurzeln, weshalb und wie Menschen miteinander teilen, was sie wissen“.

teilenFür mich entspricht dieser Rückkehr zu den Wurzeln die Aufdeckung der dialogischen Grundstruktur des Menschen. In der Mit-Teilung kommt eine Person erst zu ihrem eigentlichen Sein. Bei Liebe und Wissen kommt es zu einer wundersamen Mehrung, wenn wir sie verschwenderisch miteinander teilen. Wir öffnen eine Quelle kreativer Fülle, die keiner Notwendigkeit gehorcht, sondern Fragen entwirft, die uns von selbst weiterführen.

Wir kommen wieder auf den Teppich (Ebene 0.0), auf den Boden der Tat-Sachen. Diese Sachen entsprechen einer Sicht, bei der Wissen und Tun nicht durch einen Graben getrennt sind, der erst durch Berechnung (Management) überwunden werden muß. Die Einübung einer Haltung, die der Wirklichkeit entsprechend wahrnimmt, ist die Voraussetzung für angemessene Tat. In spirituellen Traditionen wird das in dieser anderen Form des Bewußtseins erfahrene Tiefenwissen Weisheit genannt. Von hier aus gesehen, birgt der Umgang mit Wissen eine noch kaum erschlossene Perspektive, in der Austausch, Arbeit und geglücktes Leben wesentlich zusammengehören.